andreaskirsche.de https://www.andreaskirsche.de/paartherapie-blog/ Thu, 16 Apr 2026 02:19:08 +0000 de-DE hourly 1 Sex: Vom Himmel auf Erden https://www.andreaskirsche.de/paartherapie-blog/sex-vom-himmel-auf-erden/ https://www.andreaskirsche.de/paartherapie-blog/sex-vom-himmel-auf-erden/#comments Thu, 02 May 2024 12:00:00 +0000 https://www.andreaskirsche.de/paartherapie-blog/sex-vom-himmel-auf-erden/ Weiterlesen

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Sex als intimste Form der Kommunikation: In unserer Kultur ist dieser Aspekt wenig verankert. Maximale Erregung und Perfomance-Optimierung stehen meist im Vordergrund.

Als Paartherapeut bin ich immer froh, wenn Bücher erscheinen, die dem Umgang mit Sex in Beziehungen hilfreiche und orientierungsstiftende Aspekte hinzufügen.

Das aktuelle Buch von Christoph Joseph Ahlers („Vom Himmel auf Erden. Was Sexualität für uns bedeutet.“) gehört für mich in diese Kategorie. Ahlers ist Sexualwissenschaftler und Klinischer Sexualpsychologe. Seit zwanzig Jahren hat er an der Berliner Charité und in seiner eigenen Praxis für Paarberatung und Sexualtherapie hunderte Einzelpersonen und Paare untersucht, beraten und behandelt.

Seine Erkenntnis aus unzähligen Paartherapien ist, dass die Paare etwas ganz wesentliches erfahren: Unser Problem ist nicht die Häufigkeit oder die Art und Weise des Geschlechtsverkehrs. Es geht um uns. Und unserProblem ist, dass wir uns nicht mehr wirklich ansehen und dadurch wechselseitig unser Ansehen beieinander verloren haben. Das drückt sich aus in fehlendem Körperkontakt, ausbleibender Zärtlichkeit und Intimität sowie nicht stattfindendem Sex.

Über den Zusammenhang von Liebe, Sex und Beziehung machen sich die wenigsten Menschen bewusst Gedanken, sagt Ahlers. Sex ist „natürlich“, Sex ist „Trieb“ und im besten Fall „geil“. Sex ergibt sich „spontan“, von alleine, oder es passiert eben nicht. Und dann muss das repariert oder der Partner ersetzt werden.

Das Atemberaubende am Sex ist nicht die Erregung der Genitalien, betont Ahlers immer wieder, sondern es lassen sich dabei innig und intensiv psychosoziale Grundbedürfnisse stillen. Menschen möchten sich gewollt, gemeint und bestätigt fühlen. Im Sex erfährt diese Sehnsucht eine überzeugende körperliche und seelische Erfüllung. Sex als intimste Form von Kommunikation.

Das hat damit zu tun, sagt er, dass Körperkommunikation in unserer stammesgeschichtlichen und individuellen Entwicklung die primäre Möglichkeit der Verständigung war. In beiden Entwicklungslinien gilt für den gesamten Zeitraum vor dem Spracherwerb, dass Bindung über Körperkontakt hergestellt, wahrgenommen, erlebt und stabilisiert wird. Erst später tritt die Sprache ergänzend hinzu. Über Körperkontakt reduzieren wir Aufregung, Anspannung und Angst, und wir befördern Beruhigung, Entspannung und Wohlgefühl. Das sei die tiefere Bedeutung von Sexualität. 

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Der Barnum-Effekt https://www.andreaskirsche.de/paartherapie-blog/der-barnum-effekt/ https://www.andreaskirsche.de/paartherapie-blog/der-barnum-effekt/#comments Thu, 18 Apr 2024 21:53:00 +0000 https://www.andreaskirsche.de/paartherapie-blog/der-barnum-effekt/ Weiterlesen

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Ein Gedanke des IT-Philosophen und Mathematikers Prof. Gunter Dueck zum sogenannten Barnum-Effekt hat mich zu diesem Artikel inspiriert:

Menschen neigen dazu, allgemeingültige Aussagen auf sich zu beziehen. Wir suchen sozusagen nach unserer eigenen Nadel im Heuhaufen der Charaktereigenschaften. Deshalb glauben viele an Horoskope und fühlen sich bei Persönlichkeits-Tests in populären Medien treffend beschrieben.

Der Barnum-Effekt ist ein Begriff aus der Psychologie. Er bezeichnet die Neigung von Menschen, vage und allgemeingültige Aussagen über die eigene Person so zu interpretieren, dass sie als zutreffende Beschreibung empfunden werden. Dieser Effekt ist nach dem Zirkusgründer Phineas Taylor Barnum benannt. Dieser unterhielt im Amerika des 19. Jahrhunderts ein großes Kuriositätenkabinett, das „jedem Geschmack“ etwas bieten sollte („a little something for everybody“).

Der amerikanische Psychologie-Professor Bertram R. Forer forschte intensiv zu diesem Thema. Forer legte 1948 vielen Menschen einen Text mit einer Persönlichkeitsbeschreibung vor. Sie sollten beurteilen, ob der Text auf sie zuträfe, auf einer Skala von 0 bis 5. Ja, sagten die Leser im Durchschnitt mit 4 Punkten: trifft zu.

Was die Probanden nicht wussten: Forer hatte allen ein und denselben Text gegeben. Darin enthalten: allerlei Allgemeinplätze wie „Ich bin tendenziell selbstkritisch“, „Ich werde unzufrieden, wenn ich mich eingeschränkt fühle, und mag ein gewisses Maß an Veränderung“, „Auch wenn ich nach außen kontrolliert und selbstdiszipliniert erscheine, bin ich manchmal innerlich unsicher“.

Solche Aussagen enthalten Ambivalenzen, die zutiefst menschlich sind, wie etwa die Sehnsucht nach Sicherheit und Stabilität, die aber mit dem Wunsch nach Veränderung und Aufregung konkurriert. Barnum-Aussagen sind in der Regel nicht überprüfbar und widerlegbar, denn sie betonen vor allem Aspekte, die allen Menschen gemeinsam sind, oder Eigenschaften, die Menschen gerne besitzen würden.

Der französische Psychologe Michel Gauquelin ergänzte diese Forschung 20 Jahre später eindrucksvoll: Er schickte 1968 an 150 Personen, die er über ein Zeitungsinserat angeworben hatte, deren „ganz persönliches Horoskop“. Tatsächlich aber erhielt jede Person den gleichen Text, ein Persönlichkeitsprofil, das der Astrologe André Barbault aufgrund der Geburtsdaten des Serienmörders Marcel Petiot erstellt hatte (wobei Barbault nicht wusste, um wessen Geburtsdaten es sich handelte). Astrologische Persönlichkeitsprofile weisen viele Eigenschaften eines Barnum-Textes auf. Gauquelin bat die Versuchspersonen um die Beantwortung mehrerer Fragen, darunter der, ob sie in diesem Profil sich und ihre persönlichen Probleme wiedererkennen würden. 94 % der 150 Versuchspersonen bejahten diese Frage, 90 % fanden die Beschreibung sehr passend.

Eine Schnittmenge hat dieser Effekt mit der Confirmation-Bias (quasi der Mutter aller Denkfehler): Wir akzeptieren, was unserem Selbstbild entspricht, und filtern alles andere unbewusst aus. Zurück bleibt ein stimmiges Porträt.

In vielen Bereichen, auch in der Politik, im Marketing und in der Lebensberatung wird der Barnum-Effekt bewusst eingesetzt, um Menschen zu beeinflussen. Versuchen Sie mal darauf zu achten, wenn man Ihnen mal wieder Allgemeinplätze serviert und machen Sie sich Ihren spontanen Zustimmungsreiz zumindest bewusst. 

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Die 4 größten Fehler, die Paare in ihrer Kommunikation machen https://www.andreaskirsche.de/paartherapie-blog/paare-fehler-kommunikation/ https://www.andreaskirsche.de/paartherapie-blog/paare-fehler-kommunikation/#comments Thu, 22 Feb 2024 00:00:00 +0000 https://www.andreaskirsche.de/paartherapie-blog/paare-fehler-kommunikation/ Weiterlesen

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Die Forschung legt eindeutige Ergebnisse zu den wichtigsten Kommunikations-Schwierigkeiten von Paaren vor: Die Interaktion eines Paares hat entscheidenden Einfluss auf die Qualität und die Stabilität der Paarbeziehung. Bedeutsam ist dabei vor allem die Interaktion im Konflikt.

Der amerikanische Psychologe und Beziehungsforscher John M. Gottman hat dieses Feld über mehrere Jahrzehnte hinweg in den wohl umfangreichsten und differenziertesten Studien erforscht. Dazu hat er an der University of Washington in Seattle ein „Paarlabor“ eingerichtet, in dem Paare für eine gewisse Zeit miteinander lebten und ihre Interaktionen aufgezeichnet wurden.

Gottman zeichnete die Paare in Alltagssituationen, in Konfliktsituationen, in Stress-Situationen in ihrer Interaktion auf Video auf. Er untersuchte eine Vielzahl weiterer Parameter wie Herzschlag, Blutdruck, Stresshormone usw.

Aufgrund dieser Forschung konnte Gottmann und sein Team schließlich sehr präzise Angaben darüber machen, welche Verhaltensweisen und welche emotionalen Zustände zu Zufriedenheit oder Unzufriedenheit in der Paarbeziehung führten. Und was zum Weiterbestehen der Paarbeziehung oder zur Trennung führt. Mit einer Präzision von über 90% konnten sie schließlich die Trennung eines Paares und sogar den Zeitraum der Trennung vorhersagen.

Die entscheidenden Merkmale, die eine Beziehung in die Krise treiben, hat Gottman unter dem Begriff der „vier apokalyptischen Reiter“ zusammengefasst. Während im biblischen Kontext die apokalyptischen Reiter den Weltuntergang ankündigen, bezeichnen sie in der Paar-Beziehung diejenigen sehr negativen Verhaltensweisen, die fast zwangsläufig zu anhaltenden Konflikten und Streit und letztlich zur Zerrüttung der Paarbeziehung führen. Ihr Vorhandensein erhöht die Gefahr von Trennung und Scheidung eines Paares stark.

Der erste Reiter: KRITIK

Unzufriedene Paare neigen dazu, sich gegenseitig mit scharfen, oftmals verletzenden Worten zu kritisieren. Dabei wird insbesondere die Persönlichkeit des anderen kritisch ins Spiel gebracht.

Sicher: in jeder Beziehung gibt es Dinge und Situationen, die einem nicht gefallen. Doch es gibt einen großen Unterschied zwischen einer Beschwerde und einer Kritik. Eine Beschwerde bezieht sich auf eine konkrete Situation, bei der Sie das Gefühl haben, dass Ihr Partner etwas falsch gemacht hat. Kritik ist dagegen sehr viel weitreichender: es kommen negative Bemerkungen über den Charakter oder die Persönlichkeit Ihres Partners hinzu.

„Ich finde es richtig blöd, dass du gestern die Küche nicht mehr aufgeräumt hast. Wir hatten vereinbart, dass wir das abwechselnd machen. Und du warst gestern dran!“ Das ist eine Beschwerde.

„Warum bist du so vergesslich? Ich hasse es, dir immer alles hinterher räumen zu müssen. Ich habe schon wieder die Küche aufräumen müssen, obwohl du eigentlich dran warst. Aber dir ist das einfach egal. Und Vereinbarungen zählen für dich sowieso nicht!“ Das ist Kritik.

Eine Beschwerde konzentriert sich auf ein bestimmtes Verhalten in einer bestimmten Situation. Kritik hingegen macht die Sache größer. Es kommen Schuldzuweisungen, Generalisierungen und eine generelle Verurteilung des Charakters hinzu. Und das hat Wumms.

Weiteres Beispiel:

  • Beschwerde: Ich wäre gern gefragt worden, ehe du jemanden zum Essen einlädst. Ich hätte den Abend gern mit dir allein verbracht.
  • Kritik: Warum sind dir deine Freunde immer wichtiger als ich? Ich stehe auf deiner Liste immer ganz hinten. Wir wollten doch den Abend endlich mal wieder zu zweit verbringen.

Dieser erste Reiter kommt in vielen Beziehungen vor. Das heisst: es ist nicht unwahrscheinlich, dass Sie sich in diesem Verhalten auch wiederfinden. Das allein ist noch kein Drama und nicht das sichere Ende Ihrer Beziehung. Aber: Das Problem mit diesem Reiter der Kritik ist die Häufigkeit. Wenn diese Art der Kritik zur Gewohnheit wird, dann öffnet sie den anderen, sehr viel gefährlicheren Reitern die Tür.

Der zweite Reiter: VERTEIDIGUNG (oder auch RECHTFERTIGUNG)

Als Reaktion auf Kritik zeigt der kritisierte Partner häufig eine Form der Verteidigung. Man könnte meinen, dass Verteidigung oder Rechtfertigung eine völlig normale und legitime Reaktion ist in einem Konflikt mit einem angreifenden Partner. Die Forschung zeigt jedoch, dass dies als Reaktion maximal negativ auf die weitere Auseinandersetzung wirkt. Der Grund: Indem der eine versucht sich zu verteidigen und seine Position zu erklären, fühlt der andere sich in seiner Kritik nicht gehört und übergangen. Auf seine Bedürfnisse und Gefühle wird nicht eingegangen.

Beispiel: „Ich habe aber den ganzen Tag gearbeitet und sowieso hatte ich eine ultraschwere Woche, da habe ich nicht immer die Zeit die Küche sofort aufzuräumen.“ Das mag für den Angegriffenen so stimmen. Aber es lässt den anderen in seinem Unmut alleine und unbeantwortet. Es entsteht das Gefühl, in seinem Anliegen nicht so wichtig genommen zu werden.

Hier wäre es für den Kritisierten wichtig, zu verstehen, was jetzt das eigentliche Anliegen des Partners ist und ihm damit auch Verständnis für seine Gefühle und seine Situation zu signalisieren. Aber klar: Im Rahmen eines Streits ist das natürlich nicht die einfachste und naheliegendste Verhaltensweise.

Der dritte Reiter: VERACHTUNG

Ein Kommunikationsstil, der gegenüber dem Partner geringe Wertschätzung, ja sogar Verachtung ausdrückt, kommt in der Regel nicht aus heiterem Himmel, sondern ist eine Folgeerscheinung von vorangegangenen Verletzungen.

Sarkasmus und Zynismus sind typische Ausdrucksformen der Verachtung. Dasselbe gilt für Verfluchen, Verhöhnen, Augenrollen und respektlosen, abschätzigen Humor.

Die Verachtung ist der gefährlichste der vier Reiter. Sie drückt Abneigung aus. Und wirkt daher immer vergiftend auf eine Beziehung. Wenn der Partner sich abgelehnt fühlt, ist es so gut wie unmöglich ein Problem zu lösen. Damit vertieft Verachtung zuverlässig den Konflikt und führt beim Partner zu maximal negativen Effekten auf körperlicher und emotionaler Ebene.

Der vierte Reiter: MAUERN (oder auch RÜCKZUG)

Während eines normalen Gesprächs zwischen zwei Menschen gibt der Zuhörer dem Redenden alle möglichen Signale, um zu zeigen, daß er auch wirklich zuhört. Er schaut ihn an, nickt mit dem Kopf, sagt Dinge wie „Ja“ oder „Hmm“.

Wer hingegen mauert, der gibt nichts zurück. Er schaut weg oder zu Boden und gibt keinen Laut von sich. Er sitzt da wie eine reglose Wand. Wer mauert, der verhält sich so, als wäre ihm, selbst wenn er zuhören würde, völlig gleichgültig, was der andere sagt.

Dieses Verhalten spiegelt einen fortgeschrittenen Verfall der Paarbeziehung wider: die Partner geben sich keinerlei Rückmeldungen mehr. Sie begegnen sich mit einem rigiden und harten Ausdruck. Entweder mimisch unbewegt oder voller Mißfallen sowie ohne Blickkontakt. Im Grunde wird der Kontakt zum anderen völlig gekappt. Kontaktangebote des anderen werden nur noch mit Schweigen beantwortet. Dies wird vom Partner als extreme Ablehnung, Distanzierung und Feindseligkeit erlebt.

Mauern tritt gewöhnlich später im Verlauf einer Ehe auf als die drei anderen Reiter. Es dauert eine Zeit, bis die von den drei ersten Reitern erzeugte Negativität so überwältigend wirkt, dass das Mauern sich als Ausweg anbietet.

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