Der Barnum-Effekt

Ein Gedanke des IT-Philosophen und Mathematikers Prof. Gunter Dueck zum sogenannten Barnum-Effekt hat mich zu diesem Artikel inspiriert:

 

Menschen neigen dazu, allgemeingültige Aussagen auf sich zu beziehen. Wir suchen sozusagen nach unserer eigenen Nadel im Heuhaufen der Charaktereigenschaften. Deshalb glauben viele an Horoskope und fühlen sich bei Persönlichkeits-Tests in populären Medien treffend beschrieben. 

 

Der Barnum-Effekt ist ein Begriff aus der Psychologie. Er bezeichnet die Neigung von Menschen, vage und allgemeingültige Aussagen über die eigene Person so zu interpretieren, dass sie als zutreffende Beschreibung empfunden werden. Dieser Effekt ist nach dem Zirkusgründer Phineas Taylor Barnum benannt. Dieser unterhielt im Amerika des 19. Jahrhunderts ein großes Kuriositätenkabinett, das „jedem Geschmack“ etwas bieten sollte („a little something for everybody“).

 

Der amerikanische Psychologie-Professor Bertram R. Forer forschte  intensiv zu diesem Thema. Forer legte 1948 vielen Menschen einen Text mit einer Persönlichkeitsbeschreibung vor. Sie sollten beurteilen, ob der Text auf sie zuträfe, auf einer Skala von 0 bis 5. Ja, sagten die Leser im Durchschnitt mit 4 Punkten: trifft zu.

 

Was die Probanden nicht wussten: Forer hatte allen ein und denselben Text gegeben. Darin enthalten: allerlei Allgemeinplätze wie „Ich bin tendenziell selbstkritisch“, „Ich werde unzufrieden, wenn ich mich eingeschränkt fühle, und mag ein gewisses Maß an Veränderung“, „Auch wenn ich nach außen kontrolliert und selbstdiszipliniert erscheine, bin ich manchmal innerlich unsicher“. 

 

Solche Aussagen enthalten Ambivalenzen, die zutiefst menschlich sind, wie etwa die Sehnsucht nach Sicherheit und Stabilität, die aber mit dem Wunsch nach Veränderung und Aufregung konkurriert. Barnum-Aussagen sind in der Regel nicht überprüfbar und widerlegbar, denn sie betonen vor allem Aspekte, die allen Menschen gemeinsam sind, oder Eigenschaften, die Menschen gerne besitzen würden.

 

Der französische Psychologe Michel Gauquelin ergänzte diese Forschung 20 Jahre später eindrucksvoll: Er schickte 1968 an 150 Personen, die er über ein Zeitungsinserat angeworben hatte, deren „ganz persönliches Horoskop“. Tatsächlich aber erhielt jede Person den gleichen Text, ein Persönlichkeitsprofil, das der Astrologe André Barbault aufgrund der Geburtsdaten des Serienmörders Marcel Petiot erstellt hatte (wobei Barbault nicht wusste, um wessen Geburtsdaten es sich handelte). Astrologische Persönlichkeitsprofile weisen viele Eigenschaften eines Barnum-Textes auf. Gauquelin bat die Versuchspersonen um die Beantwortung mehrerer Fragen, darunter der, ob sie in diesem Profil sich und ihre persönlichen Probleme wiedererkennen würden. 94 % der 150 Versuchspersonen bejahten diese Frage, 90 % fanden die Beschreibung sehr passend.

 

Eine Schnittmenge hat dieser Effekt mit der Confirmation-Bias (quasi der Mutter aller Denkfehler): Wir akzeptieren, was unserem Selbstbild entspricht, und filtern alles andere unbewusst aus. Zurück bleibt ein stimmiges Porträt.

 

In vielen Bereichen, auch in der Politik, im Marketing und in der Lebensberatung wird der Barnum-Effekt bewusst eingesetzt, um Menschen zu beeinflussen. Versuchen Sie mal darauf zu achten, wenn man Ihnen mal wieder Allgemeinplätze serviert und machen Sie sich Ihren spontanen Zustimmungsreiz zumindest bewusst.